Suche
Suche Menü

Byword: Weniger ist mehr ist weniger, und dann doch viel mehr.

Auf den ersten Blick ist Byword ein weiterer Anwärter auf den Titel „Hübschester Versuch, Prokrastinierern Geld für eine ablenkungsfreie Schreibumgebung abzunehmen“. Dabei hat das Team von Metaclassy einen der besten MultiMarkdown-Editoren der gegenwärtigen Mac-Welt am Start. Byword darf nicht auf seine fragwürdigen Methoden fürs „distraction-free writing“ reduziert werden. Hier steckt tatsächlich Hirnschmalz dahinter, der dem einen oder anderen Autor gelegen kommen wird.

Aber fangen wir mit dem an, was ich gerne euphemistisch „unkluges Marketing“ nenne.

Weniger ist mehr ist weniger: Der Byword-Vollbildmodus.

Writeroom hatte damals mit seinem Retro-Look eingeschlagen. Dummerweise versteiften sich Hog Bay darauf, den Editor damit zu vermarkten und später gar Geld fürs Privileg zu verlangen, auf einem schwarzen Bildschirm mit grünem Cursor wie in der Computer-Steinzeit tippseln zu dürfen. Andere Entwickler kopierten die Idee ließen sich inspirieren, offenbar war so Geld zu machen. Was zu Zeiten der ersten Ulysses-Versionen noch ein lustiger Effekt mit Geek-Faktor war? Das wurde dank Writeroom schnell zum Verkaufsargument. Es gibt heute kaum noch eine Textverarbeitung für OS-X, die nicht mit einem „ablenkungsfreien Vollbildmodus“ wirbt. Die Situation erreichte ihren bisherigen Höhepunkt mit dem Ommwriter, den nicht nur Merlin Mann als speziell empfand. Aber verkauft sich offenbar gut; eine Windows-Version ist mittlerweile auch erhältlich.

Dann wurde Byword vorgestellt; das kollektive Kopfschütteln fand sich in schleudertraumatischen Regionen.

Byword begnügt sich nicht damit, Dock und Menüleiste auszublenden. Nein, das Programm graut gleich komplette Absätze aus oder dimmt auf Wunsch den gesamten Text bis auf die gerade aktive Zeile. Als hätten die Entwickler Manns Satire als Konzept übernommen. Das sieht dann so aus:

Aber verlassen wir die Gefilden des grenzwertigen Product-Managements. Wenden wir uns lieber dem Jubel der nerdigen Texter zu.

Weniger ist mehr ist weniger ist viel mehr: Bywords MultiMarkdown-Unterstützung.

Mit Version 1.2 folgte eine positive Überraschung: Byword bot vollständige Markdown-Unterstützung, seit Version 1.3 auch den von MultiMarkdown gewohnten Komfort des direkten Exports nach LaTeX und PDF, Fußnoten, Querverweisen und so weiter.

Wie nvALT ist Byword dabei konsequent auf Tastatursteuerung ausgelegt, kann aber auch mit Drag-und-Drop umgehen. So lassen sich beispielsweise Bilder mit der Maus platzieren.

Für Textarbeiter interessanter sind jedoch die durchdachten Tastaturkürzel. Textblöcke wie bei vi umzustellen ist dabei die geringste Kunst. Brett Terpstra hat Bywords Tastatursteuerung kompakt zusammengefasst. Brett ist übrigens der Entwickler vom oben erwähnten nvALT. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Habe ich schon erwähnt, dass Byword den Markdown-Markup (ha!) visuell im Textfenster hervorhebt? Oder auf Wunsch in einem Vorschaufenster das gerenderte Dokument anzeigt – das sich dann gleich in Ausschnitten oder Volltext als HTML kopieren lässt? Dass alle von OS-X gewohnten Textfunktionen wie Rechtschreibprüfung und -Korrektur, automatische Ersetzungen und so weiter ebenfalls funktionieren ist heute selbstverständlich, auch wenn Textmate das anders sieht.

Fazit.

Byword ist jeden Cent wert. Zumindest dann, wenn man oft oder gar ausschließlich Texte in MultiMarkdown verfasst. Cent? Eher Euro; Metaclassy möchte gerne € 10 im Appstore-Kässeli sehen. Es gibt offiziell noch nicht einmal eine Demoversion – unklug, denn wie gut Byword für diese Aufgabe wirklich geeignet ist erschließt sich aus ablenkungsfreien Screenshots nicht.

Das Rennen zwischen den beiden Markdown-Favoriten geht zur Zeit noch knapp unentschieden aus. Wo Byword mit mächtigen Tastaturbefehlen und der Syntax-Hervorhebung punktet, da gewinnt nvALT mit seiner Simplenote-Synchronisation und Dokumentverwaltung über Schlüsselwörter – und natürlich dem Preis: nvALT ist und bleibt (vorerst?) kostenlos. Die Zukunft wird zeigen, ob sich Brett ins Zeug legt, um Byword Paroli zu bieten.

Möge er nur nicht auf den dummen „distraction-free writing environment“-Zug aufspringen! Jedoch – Bywords Paragraphen- und Zeilen-Hervorhebung lassen sich ebenso ausschalten wie der Vollbild-Modus. Und bleiben dann auch ausgeschaltet. Gut so.

Autor:

Geboren im schönen Jahr 1975 in der noch schöneren Schweiz, lebt Sascha nach einigen Jahren im auch ziemlich schönen Niedersachsen jetzt im wirklich schönen Kanton Thurgau. Er versucht sich seit einiger Zeit als freischaffender Autor, Schriftsteller und Fotomensch. Da er aber auch zwischendurch ein Bier konsumieren möchte, führt ihn das Finanzamt unter der Berufsbezeichnung «Texter». Könnte schlimmer sein.

10 Kommentare

  1. nur mal so: fehlt da nicht noch Ai Writer im Vergleich? über den Spiekermann in etwa sagte: »I thought TextEdit was simple until I tried Writer.«

    noch ein kleine frage hätte ich: lassen sich .txt’s abspeichern und werden diese dann mit textedit korrekt angezeigt? – bei iA Writer hatte ich da ein problem mit der unicode-codierung (äöüß…).

    • Im Artikel kommen nur Programme vor, die ich selbst mittel-längere Zeit (i.e. mindestens eine Woche im beruflichen Einsatz) verwendet habe. Deshalb ist er wie myTexts hier nicht aufgeführt. Aber den wollte ich mir eh auch mal ansehen … danke fürs Gedankenanstupsen!

      Die Byword-generierten Dateien lassen sich hier in allen anderen Applikationen incl. TextEdit und Notepad/Editor (Windows) ohne Codierungsprobleme öffnen.

  2. Byword ist bei mir etwas ins Hintertreffen geraten, seit Fletcher Penneys MultiMarkdown Composer erscheinen ist. Besonders in Verbindung mit Brett Terpstras Marked macht dieser Editor schon eine sehr gute Figur. Wo Byword mit einer äußerst eleganten Benutzeroberfläche überzeugt, spricht der MultiMarkdown Composer Nutzer an, die auf raffinierte Features Wert legen.

    • Danke für den Hinweis auf MMDC, Jens. Ich verfolge das Projekt seit der Ankündigung auf der MMD-Mailing-List, aber mein Problem bisher war vorwiegend eines:

      MultiMarkdown-Composer gewinnt gegenüber Byword dann, wenn lange, strukturierte Dokumente gefragt sind. Aber dann setze ich eh auf Scrivener, das noch deutlich bequemer und umfassender mit solchen Projekten klarkommt, incl. Quellen mit-abspeichern, Splitscreen mit mehreren Dokumenten und so weiter.

      Im Vergleich zu Byword fehlen mir bei MMDC jedoch die vi-ähnlichen Tastaturkürzel. Dafür rockt der Struktur-Drawer recht stark. Das, was MMDC bisher kann, deckt jedoch Textmate ebenfalls ab, wenn auch nicht so hübsch anzusehen. Aber wenn raffinierte Features gesucht sind, starte ich halt Textmate. Das kommt fürs eigentliche Schreiben hier sehr selten vor, häufiger, wenn das Ziel LaTeX ist und ich das Dokument dann eh anschließend im TeX-Editor anpassen muss (der hier auch Textmate ist).

      Marked ist cool, kostet jedoch auch schon wieder € 4 für eine Funktion, die bei Byword (und nvALT, und Textmate, je nachdem, was vorhanden ist) bereits dabei ist. Marked erscheint mir noch immer als ein Tool für Menschen, die sich nicht auf einen Editor festlegen möchten. Das ist nicht verkehrt, aber: Die Idee von Markdown ist auch die einfache Verständlichkeit für Menschen, ganz ohne Rendering/Layout. Also eben für den Fall, dass man ein Dokument nicht im bevorzugten Editor mit Preview-Funktion lesen darf/kann.

      Also für Notfälle. Wenn man Marked benötigt, um arbeiten zu können, hat man meiner Meinung nach den falschen Basis-Editor im Einsatz.

      In dieser Hinsicht wäre ich auch um Benutzer-Meldungen zu Marked froh. Was bringt es Euch mehr, als das, was Euer Markdown-Editor eh mitbringt oder die einfache Lesbarkeit des Klartexts ermöglicht?

      • Generell ist es ja das Schöne an (Multi-) Markdown, dass es auch ohne WYSIWYG-Tools wie Marked oder sonstige Voransichten geht. Ursprünglich habe ich Marked erworben, um den Entwickler zu unterstützen, weil ich seine Gratistools (insbesondere nvALT und Instapaper Beyond) viel und gern benutze. Und nun ist es halt ein hübsches Add-on zu MMDC, das ich tatsächlich primär für komplexere Dokumente verwende, weil ich mich zum Kauf des Korktapeten-Monsters Scrivener bis heute noch nicht durchringen konnte.

        Will man eine reine, pure Vorschau dann und wann, beispielsweise um ungestört Korrektur zu lesen, dann tut es das, was beispielsweise Mou (http://mouapp.com/) tut, ja eigentlich auch.

        • Ja, das hat Sinn und kann ich nachvollziehen. Danke für die Erläuterungen zu Marked!

  3. Ich finde, die Jungs haben das noch nicht zu Ende gedacht. Nach Byword kommt Bychar! Nur noch ein sichtbarer Buchstabe kann die Ablenkung nochmals deutlich reduzieren und die Fokussierung auf das Wesentliche erhöhen. Wem das noch nicht reicht, wird mit Bypixel glücklich.
    Aber vielleicht ist ja auch erst durch Fokussierung auf das Nichts das “Zen in der Kunst des Schreibens” erreicht.

  4. Pingback: Das beste Mac Blog aus Deutschland und der Schweiz ist …

  5. Pingback: Markdown und Markdown QuickTags – zwei der besten Wordpress-Plugins « cbrueggenolte.de

Kommentare sind geschlossen.