Seien wir ehrlich – um am Computer mit längeren Texten zu arbeiten benötigt man nur etwas: Einen stabilen Editor. Einer, der nicht rumzickt und dessen Bedienung kein Informatikstudium verlangt. Wer gerne nicht-linear rumfuhrwerkt, wild an verschiedenen Szenen oder Abschnitten gleichzeitig schreiben möchte, braucht eine bequeme Verwaltung mehrerer Text-Schnipsel. Gute Voraussetzungen fürs Backup oder gar Versionierung wären fein. Vielleicht noch ein bisserl Statistik, damit der Blogeintrag oder die Kurzgeschichte nicht das Maß aller Vernunft sprengt. Das wäre es im Groben, der Rest ist Luxus.
Und die luxusfreie Variante lässt sich mit ein wenig Eigeninitiative problemlos mit freier Software und Bordmitteln abdecken.
Auch mit Smultron? Ich mag Smultron.
Ja, auch mit Smultron respektive dem Nachfolger Fraise (oder dessen Nachfolger). Es ist bequemer, TextMate oder BBEdit einzusetzen, aber wer Opensource-Erdbeeren schätzt kann sich daraus durchaus eine angenehme Schreibumgebung basteln. In diesem Artikel steht Smultron stellvertretend für andere „einfache“ Texteditoren, das Folgende gilt also auch für die Bezahl-Konkurrenz. Schauen wir uns nochmals die Vorgaben an:
- Projekte mit mehreren Dokumenten? Check.
- Stabil? Check.
- Einfaches Backup möglich? Check.
- Versionierung möglich? Check.
- Anzeigen der Zeichenzahl? Check.
In der linken Spalte finden sich die Einzeldokumente des Projekts. Die Dokumente liegen als txt vor – können also gut von Spotlight (oder anderen Diensten auf anderen Betriebssystemen) indexiert werden. Backup? Den Ordner sichern, fertig. Wer auch noch gerne eine Versionierung hätte: Time Machine machen lassen oder das Projekt in der Cloud ablegen. Bastler dürfen sich auch gerne mit subversion, git und so weiter auseinandersetzen.
Die Organisation mit Einzeldateien-in-einem-Projekt profitiert von Smultrons globaler Suchfunktion:
Für die Unverbesserlichen bietet Smultron einen Vollbildmodus. Hey, manche stehen drauf.
Also brauche ich gar keine richtige Autorensoftware?
Was heißt schon „richtig“ … aber ja, man kommt auch gut ohne aus. Das Entscheidende geschieht im Kopf, nicht in ein paar tausend Zeilen Computer-Code. Spezialprogramme wie Scrivener, Celtx oder Ulysses sind jedoch komfortabler als die Lösung Marke Eigenbau. Ein Beispiel: Das Zusammenfügen der Text-Schnipsel zu einem Gesamtdokument.
Wo Autorensoftware mit Layout-Optionen punktet, darf man bei der Texteditor-Variante nur schon eine Lösung fürs simple Zusammensetzen der Einzeltexte suchen. Wer mit dem Terminal umgehen kann und gerne Skripte programmiert hat wenig Probleme mit – ein bisserl cat oder diff und gut ist. Wer eine Benutzeroberfläche wünscht nimmt FileMerge, das in Apples Entwicklertools zu finden ist.
Das Drücken eines „Mach Entwurf fertig!“-Knopfes ist natürlich bequemer. Dafür ist der Ansatz, sich mit einem Texteditor abzugeben, komplett plattformunabhängig und robuster: Ein defektes Plaintext-Dokument tut nicht so weh wie wenn das proprietäre Projekt-Dokument der Autorensoftware kaputt geht. Plaintext kann man meistens noch retten, bei einer StoryMill-Datei ist Schicht im Schacht.
Ein weiterer Vorteil ist die Ortsunabhängigkeit. Mal kurz am Hotelrechner ein Kapitel korrigieren? In der Straßenbahn mit dem iPhone? Kein Problem, Dropbox und Konsorten sei dank. Einen Texteditor findet man auf wirklich jedem Rechner auf diesem Planeten, und sei es nur Notepad oder Google Docs.
Und es kostet nichts außer der Zeit, es einzurichten. Dieser Vorteil wiegt für viele den eingeschränkten Komfort auf. Auch für euch? Setzt jemand ein solches System ein, und wie sind eure Erfahrungen im Praxiseinsatz?



{ 15 Kommentare… lese sie unten oder schreibe selbst einen }
Soweit ich weiß hat Peter Borg aufgehört Smultron zu entwickeln. Das Projekt wird jetzt unter dem Namen Fraise weitergeführt.
Nähere Infos hier:
http://www.fraiseapp.com/
Guter Artikel übrigens, vielen Dank!
Scheinbar wird Fraise aber auch nicht mehr weiterentwickelt
Quelle: http://www.fraiseapp.com/index.php?page=news&id=12
Vielen Dank für den Artikel, über den auch ich mich lobend äußern möchte!
Ich persönlich setze sehr gerne TextWrangler ein. Das ist gewissermaßen der Nachfolger von BBEdit Lite.
Dank Euch, insbesondere für die Fraise-Hinweise! Hab’s ergänzt.
Dave, TextWrangler habe ich auch lange eingesetzt, dann aber nach ein paar Monaten doch zur Scheckkarte respektive TextMate gegriffen.
Betreffend die Praxiserfahrungen: Ich habe von 2003 bis 2006 genau so gearbeitet – auf Linux mit Bluefish. Die Entwürfe setzte ich dann mit cat >> zusammen; in OpenOffice ging’s mit der Überarbeitung weiter. Als ich 2006 auf Apple umstieg installierte ich als erstes MacPorts und Bluefish. Bis ich halt Scrivener für mich entdeckte.
Notational Velocity mit Simplenote, welches Dateien im Plain Text Format in einem Dropbox-Ordner ablegt. Wenn es auf dem Mac mehr sein muss, dann einfach Edit in „Beliebiger Editor“ dank QuickCursor. Unterwegs gibt es genug Apps mit denen man per Simplenote syncen oder im Dropbox-Account Textdateien editieren kann.
Unterstützt Notational Velocity inzwischen ein Minimum an Formatierungen?
Nein, es ist ein reiner Texteditor.
Persönlich hoffe ich, dass es auch so bleibt.
Wenn ich Formatierungen benötige, editiere ich die Dokumente aus NV in TextMate mit Hilfe von MD und lasse mir dann die Vorschau anzeigen.
Da ich StoryMill besitze, schreibe ich damit an meinem Roman&Büchern, Smultron ist nach wie vor zum Arbeiten am Code von WordPress/Themes für mich.
StoryMill habe ich lange genutzt, damals hieß es noch Avenir. Todd ist ein cooler Entwickler, aber der Wechsel zu Mariner hat dem Produkt meiner Meinung nach nicht gut getan. Vor einem Jahr hatte ich genug und hab Vollzeit auf Scrivener gewechselt.
Lustig, Smultron hab ich hier nur als HTML-Editor, aber nie daran gedacht, den auch zum Schreiben zu verwenden.
Sonst ist nach wie vor Scrivener meine Nummer eins fürs Schreiben…
Smultron bzw. jetzt Fraise ist der schönste Editor für den Mac, den ich kenne. Schlicht, einfach und genial
Ein Stolperstein, der mir bei der Arbeit mit einem dieser “simpleren” Editoren, immer wieder im Weg liegt, sind die Umlaute im Text!
Da ich unterwegs und zu Hause auf meinem MacBook / iMac schreibe, im Büro aber (noch) einen Windows-PC verwenden (muss), entstehen dabei öfters Konflikte, dass je nach verwendeter Zeichencode-Tabelle, die Umsetzung von der einen auf die andere Plattform nicht klappt. Klar könnte man jetzt die Suchen/Ersetzen Funktion verwenden. Doch das ist mir zu aufwändig. Ich habe nicht Lust, jedes Mal wenn ich die Plattform wechsle, was mehrmals am Tag der Fall sein kann, auch immer wieder den Text auf allfällige Umlaut-Fehler zu durchforsten.
Extra ein Autorensystem zu verwenden, passt mir halt irgendwie nicht (scheint mir für meine Bedürfnisse etwas übertrieben). Zudem gibt es nur sehr wenige solcher Programme die auf Windows und Mac laufen.
Meine Lösung: Ich schreibe meine Texte in MS-Word. Bedenklich und fast schon peinlich, oder?
Doch das passt mir einfach am besten: Ich verzichte dabei auf jegliche Formatierungen und wenn mich die “helle weisse Fläche” im Hintergrund stört (am Abend auf der Terrasse), kann ich ja dem Blatt einen dunklen Hintergrund zuordnen.
Die Vorteile für mich: Keine Extra-Software die u.U. erst “erlernt” werden muss. Plattformübergreifendes Dateiformat (und so lange man keine Sonderfunktionen von Word wie Inhaltsverzeichnisse etc. verwendet absolut tauglich). Keine Probleme mit Sonderzeichen oder Umlauten. Gewohntes Verhalten des Programmes.
Nichtsdestotrotz ein interessanter Artikel, der mich wieder dazu brachte, meine Arbeitsweise zu überdenken. Momentan bleibe ich jedoch bei Word.
Moin Klabautermann,
Seit ca. Windows XP und dem dazugehörigen Wordpad sollte der Austausch von Textdokumenten in UTF-8 zwischen Mac, PC und Linux keine Probleme mit den Sonderzeichen machen. Notepad jedoch zeigt(e) sich immer störrisch.
Smultron und jedem anderen Plaintext-Editor am Mac lässt sich die gewünschte Codierung beibringen. Falls UTF-8 rumzickt, was durchaus passieren kann (siehe das „sollte“ im Absatz oben
) würde sich bei Deinen Anforderungen die Code-Tabelle ISO-8859-15 anbieten: Windows-Standard plus €.
Danke für den Hinweis auf die ISO-8859-15. Muss das mal probieren. Vielleicht finde ich doch noch den “perfekten” Workflow …
Ups. Smiley-Fehlfunktion am Ende des Textes …
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