Software für Schreiberlinge: Celtx.

17. Juli 2010 · 6 Kommentare ·

Opensource plus professionelles Arbeiten funktioniert auch außerhalb von Serverumgebungen und Softwareentwicklung. In der heutigen Folge von Software für Schreiberlinge gebe ich einen Einblick in Celtx – einem Projekt, das sich nicht nur klamme Mac-Autoren anschauen sollten. Auch Kreative, die an Windows oder Linux gefesselt sind, dürfen sich nachdrücklich eingeladen fühlen. Ui, das klang ein bisserl schmutzig.

Zu viele Bondage-Filme gesehen, äh?

Gott behüte! Aber „Filme“ ist ein gutes Stichwort: Celtx will insbesondere Drehbuchautoren überzeugen. Und dies, anders als der Platzhirsch Final Draft, kostenlos und plattformunabhängig. Das Programm ist allerdings flexibel genug, auch Anforderungen jenseits von Hörspielen, Renderstreifen, Werbespots und BHollywood-Produktionen zu erfüllen.

Flexibel klingt wie „kompliziert“ in hübsch.

Nun ja. Wie viele andere Opensource Projekte gilt Celtx nicht unbedingt als Ausbund an Benutzerfreundlichkeit. Die Menüs sind voll, die Oberfläche das glatte Gegenteil von „Reduce to the max“. Ich gebe da weniger OSS die Schuld als dem kaum zu bändigenden Funktionsumfang. Eine Analogie: Die Creative Suite erschließt sich intuitiv auch nur jenen Menschen, die seit Jahren zumindest mit früheren Versionen von Photoshop herumgespielt haben. Langhaarige Bombenleger (eventuell gar mit Bart!) spielen hier eine geringe Rolle. Aber ich schweife ab.

Die für professionelle Schreiberlinge wichtigen Funktionalitäten sind leicht zu finden oder inhärent – ich spreche von Stabilität. Wobei man bei Celtx, ähnlich wie bei Storymill, das Konzept hinter der Software verstehen sollte, bevor man größere Projekte damit angeht. Oder laut fluchend für Aufruhr in der Nachbarschaft sorgt.

Konzept? Was?

Celtx sieht sich als Pre-Production-Environment. Klingt großkotzig? Nicht wirklich, damit bewegt sich das Projekt auf dem Niveau der Konkurrenz. Auf gut Deutsch will Celtx all das abdecken, was vor dem eigentlichen Produktionsstart anfällt. Storyboards, Protagonisten-Übersichten, Beschreibung der Lokalitäten, kurz gesagt: Planung.

Was auch bedeutet: Wer in seiner Arbeitsweise keine klare Planungsphase vorzuweisen hat, wird mit Celtx sehr, sehr unglücklich werden. Hat er (oder sie) dann doch den Eindruck, immer und an allen Stellen Informationen hinterlegen zu müssen, die nicht relevant erscheinen. In der Hinsicht ist selbst Storymill flexibler, obwohl die Entwickler ebenfalls ihr Augenmerk auf Planungsfunktionen jenseits eines Outliners gelegt haben. Dazu in einer anderen Episode mehr.

Wie fast alle anderen Autoren-Programme unterscheidet Celtx zwischen „Schreiben“ und „Ausgabe”. Man textet frei im Editor vor sich hin und kümmert sich später ums Aussehen. Hier helfen Vorlagen und Skripte, die das eigene Getippsel in eine ansprechende Form bringen. Ohne, dass man sich während des Haareraufens auch noch Gedanken darüber machen müsste, wie man denn eine Szenen-Überschrift zu gestalten hat.

Wo Celtx weiter geht ist die Integration mit dem (optionalen) Webdienst, der einem gleich die passenden Vorlagen für verschiedene Anwendungen von Hörbuch über Kurzgeschichte bis zu Drehbuch anbietet. Sowie Werkzeuge fürs Arbeiten mit mehreren Autoren. Und die Hausregeln der größeren Hollywood-Studios führt. Produktionsplan gefällig? Ist drin. Medien-Manager? Sicher doch! Fehlt nur noch ein Klischee-Prüfer, und uns bleiben ein Haufen Twilight-Kopien erspart.

Die Applikation bietet leider keinen In- oder Export von nativen Final-Draft-Dokumenten. Man muss in nackten Text exportieren und hoffen, dass sowohl auf Seiten Final-Drafts als auch Celtx die (Community)-Skripte brauchbare Arbeit beim Interpretieren leisten – was sie in der Regel auch tun. Schuld an der Misere hat hier nicht Celtx: Proprietäre Schnittstellen passen eher schlecht in ein OSS-Projekt. Dennoch schreibt es sich in Celtx fast gleich wie beim kommerziellen Großbruder; Tabulatoren und Enter strukturieren den Text auf gleiche Art und Weise. Flüssige Dialoge werden nicht durch Menügehampel gebremst.

Aber so richtig OSS ist Celtx nicht, gell?

Doch, doch. Aber die einzigen Menschen, die die Entwicklung zur Zeit vorantreiben, sind die Celtx-Studios. Und sie finanzieren sich durch kostenpflichtige Add-ons zur Basissoftware. Wer also ums Verrecken einen Vollbild-Modus möchte, oder eine Pinnwand wie bei Scrivener? Der darf einen Mini-Betrag an die Entwickler überweisen. So ein bisserl wie der Download-Content bei gewissen Online-Spielen. Alternativ darf man gerne seine Entwicklungsumgebung zücken und kurz selbst etwas programmieren.

Dein Fazit?

Celtx eignet sich ausgesprochen gut für die (Vor-)Produktion audiovisuellen Materials. Alles, was von einem Storyboard oder Drehbuch profitiert ist in diesem Programm gut aufgehoben. Die Bedienung mag nicht wirklich intuitiv wirken, Final-Draft-Anwender werden sich allerdings schnell heimisch fühlen – ebenso Leute, die das grundlegende Konzept von Autorensoftware verstanden haben und nur noch die Kurzbefehle auswendig lernen müssen.

Das Programm ist in der aktuellen Version 2.7 sowohl auf Mac, Linux als auch Windows stabil und flott. Netterweise gibt es eine (brauchbare) deutsche Version; wer mehr Komfort wünscht kann sich für kleines Geld Add-ons besorgen oder selbst programmieren (lassen). Wer die 160 Euro für Final Draft (pro Arbeitsplatz) scheut, sollte definitiv Celtx installieren und damit herumspielen. Andere Drehbuchsoftware für den Mac mag hübscher aussehen – aber was stinkt schon gegen „kostenlos“ an?

Ähnliche Beiträge

  1. Software für Schreiberlinge: Eine Einführung
  2. Software für Schreiberlinge: Zurück zu den Wurzeln.
  3. Software für Schreiberlinge: Scrivener 1.x
  4. Software für Schreiberlinge: Ulysses 2
  5. Software für Schreiberlinge: Aus der geldverdienenden Perspektive betrachtet.

{ 6 Kommentare… lese sie unten oder schreibe selbst einen }

Magnus 17. Juli 2010

Sine era et studio. adrideo.

Antworten

nggalai 18. Juli 2010

Alkoholika? :D

Antworten

jazzgumpy 18. Juli 2010

Wirklich schön geschriebener Artikel. Da mach das Lesen Spaß. Schreibst du selbst Drehbücher oder Ähnliches?

Da ich eher andere Dinge schreibe ist mir der Workflow eines Drehbuchautors nicht geläufig – da würde mich noch interessieren wie sich das Programm fürs andere Aufgaben eignen könnte.
Grüße

Antworten

recipient 18. Juli 2010

Die eierlegende Wollmilchsau ist auch Celtx nicht. Es gibt zwar eine Vorlage “Plain Text”, mit der man im Prinzip alles machen kann. Praktisch ist mein Selbstversuch aber schon daran gescheitert, dass es keinen Wort- bzw. Zeichenzähler gab. Im AV-Bereich gelten eben andere Maßstäbe.

Deshalb greife ich bei belletristischen, Sach- und Funktionstexten dann doch lieber auf spezielle Tools wie Scrivener zurück, die ja auch für relativ kleines Geld zu haben sind.

Antworten

nggalai 18. Juli 2010

Moin Jazzgumpy,

ja, ich schreibe und überarbeite auch Drehbücher – vorwiegend für schrägere Kurzfilme, die nie umgesetzt werden. ;) Meistens arbeite ich aber an Artikeln, Kurzgeschichten und Romanen. Oder überarbeite Marketing-Bla oder Bedienungsanleitungen. Item.

Celtx hat einen „Generic Text“-Modus, womit man relativ frei von Drama-Strukturen arbeiten kann. Jedoch ist dieser Modus nicht so flexibel wie Ulysses oder Scrivener. Nicht-lineares Schreiben bei anschließender Ausgabe des Gesamttextes (meiner Meinung nach der Hauptvorteil von Schreibumgebungen) ist jedoch kein Problem, wenn es für mich auch gewöhnungsbedürftig war. Ich bin mir halt eher Scrivener gewohnt.

Generell würde ich Celtx vorwiegend den Drama-Leuten nahelegen. Das Programm zielt auf Texte, die verfilmt, animiert oder vertont werden wollen. Durch die Shortcuts macht Celtx in diesem Umfeld auch eine sehr gute Figur; man tippselt vor sich hin, braucht die Maus kaum und Charaktere werden halbautomatisch erkannt. Alle Szenen mit einer bestimmten Darsteller-Konstellation zu finden und gebündelt auszugeben ist kein Problem. In dieser Hinsicht schlägt Celtx den „Screenwriting“-Modus von Scrivener deutlich.

Antworten

deepblue 18. Juli 2010

Offtopic:
Merkwürdig wo ist denn die News über die iPhone 4 Zahlen geblieben? Lag wohl doch etwas daneben die Betrachtung oder?

Antworten

Schreibe einen Kommentar

Smilies gefällig?

Previous post:

Next post: