Farbmanagement 101: Gradawas? Meinste Gamma?

9. Dezember 2009 · 1 Kommentar ·

ColorSync

Wie bereits angedroht angekündigt fehlt in Sachen Bildschirm-Justage noch ein Punkt: Die passende Tonwertkurve oder Gradation. Umgangssprachlich redet man auch von Gamma. Das stellt die Situation zwar etwas vereinfacht dar, aber es muss ja nicht alles im Leben so wirr wie die Gehirngänge von Finanzbeamten sein.

Die Tonwertkurve im Monitorprofil kümmert sich um die Wiedergabe verschieden heller Bildbereiche. Je nach Gradation wirken Bilder dann kontrastreicher oder blasser. Mal haben die dunklen Farbtöne mehr Zeichnung, mal die hellen, mal das Zeug in der Mitte; mal wirkt alles dunkler, mal alles heller …

Was soll denn der Quatsch? Computer sind keine alten Filmrollen! Digital! Linear!

Nun ja. Das menschliche Auge arbeitet nicht geradlinig. Ausgabegeräte für Menschen in der Regel auch nicht.

Kurz gesagt: Tonwertkurven korrigieren notwendigerweise die Bildwiedergabe. Damit die Zahlenreihen im Computer annähernd realistisch in die Welt der nichtlinearen menschlichen Wahrnehmung transportiert werden und die Busenkönigin auf Seite drei nicht aussieht, als wäre sie gerade einem Backofen entsprungen. Err.

Es gibt nicht die allgemein gültige, korrekte Gradation. Logisch: Ein Film, der im Kino gezeigt wird, hat andere Ansprüche an die Tiefen-Zeichnung als eine Beamerpräsentation im sonnendurchfluteten Sitzungszimmer. Offset-Maschinen haben einen anderen Farbauftrag als Tintenstrahler. Photoabzüge reflektieren Farben, ein Monitor leuchtet. Und so weiter.

Entsprechend muss transformiert werden. Nein, nicht mit Autobots und Decepticons, das wäre viel zu aufregend für Farbmanagement-Geeks. Nein, jetzt kommt das mit der Gammakorrektur.

Das, wo die Webdesigner immer rumfluchen?

Ja, auch. Viele Mac-Benutzer kennen das Gamma-Problem noch aus der Prä-10.6-Zeit. Heute gilt: Windows, Linux und OS X setzen Monitore standardmäßig auf Gamma 2,2. So weit, so gut.

Auf einen beträchtlichen Teil vorhandenen Contents trifft der Begriff „Gamma“ jedoch nicht zu. Sobald ein Photo den Farbraum sRGB benutzt (oft im Web der Fall), liegt keine rein exponentielle Gamma-Kurve vor. Arbeitet man in moderneren Farbräumen nennt sich die dazugehörige Tonwertkurve auch mal L*. Ebenfalls keine saubere Exponentialkurve. Da passt dann ein schnödes „Gamma“ nicht mehr wirklich und die Verrechnerei geht los.

Schön. Und worauf soll ich jetzt meinen Monitor einstellen?

Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Ja, das wird ein längerer Beitrag.

Mist.

Genau. Anders als eine nicht ganz passende Farbtemperatur sorgt die falsche Tonwertkurve fast immer zu Abrissen innerhalb eines „fremden“ Arbeitsfarbraums. Also ist es angebracht, wenn man seinen Bildschirm auf die dazugehörige Gradation einstellt:

Farbraum Gradation
eciRGB_v2 L*
ProPhoto RGB Gamma 1,8
Adobe RGB Gamma 2,2
sRGB sRGB (Duh.)

… und so weiter.

Wer ständig in grundverschiedenen Farbräumen unterwegs ist, müsste also theoretisch mehrere Monitorprofile griffbereit halten. Oder sich gegebenenfalls mit Streifenbildung abfinden.

Aber es kommt noch lustiger.

Mist!

Wiedergabegeräte haben meistens – durch ihre Elektronik und die Physik diktiert – festgelegte Tonwertkurven. Es gibt Ausnahmen: Bildschirme, die sich vollständig in Hardware kalibrieren lassen, können ohne kritische Verluste die Monitor-Kurven verwursteln. Und das sogar vollautomatisch! Dafür ist man dann ganz schnell ganz arm. Solche Geräte kosten oft mehr als ein (kleiner) Gebrauchtwagen.

Die allermeisten Bildschirme sind entsprechend fix auf ca. Gamma 2,2 ausgerichtet. Kennt man, ist wenig aufwendig zu produzieren und entsprechend billiger. Die Gradation des Bildschirms lässt sich dann nur im Betriebssystem anpassen. Durch die vergleichsweise kleinen Matrizen in den Grafikkarten führt das schnell zu Farbabrissen und „Banding“. Insbesondere L* ist ein Problem: Bei billigeren Bildschirmen gehen damit rund ein Viertel der möglichen Tonwerte verloren. Woohoo, Streifen!

Das ist auch der Hauptgrund weshalb lange gegolten hat: Farbverbindlich geht nur auf einem in Hardware kalibrierbaren Bildschirm. Heute allerdings meistern auch vergleichsweise kostengünstige Monitore eine Zertifikation. Wenn sie denn angemessen gut sind und das passende Messzubehör rumliegt.

Also muss ich nicht mehrere tausend Euro für einen Profi-Monitor ausgeben?

Nö. Nur wenn Du Geek / paranoid bist oder deine Agentur fette Kunden hat. (Fett im übertragenen Sinne, selbstverständlich.) Glücklicherweise hat auch die Software dazugelernt. Die verschiedenen Colormanagement-Module wie Apples ColorSync und das Teil von Adobe haben mit den Jahren immer bessere Konvertierungsroutinen bekommen. Sie können dithern und sorgen so dafür, dass man auf einem vergleichsweise günstigen Monitor auch in schrägen Arbeitsfarbräumen immer noch brauchbare Verläufe zu sehen bekommt.

Und was empfiehlst Du nun?

Die Sache ist eigentlich klar: Wer auf optimale Farbverläufe wert legt, sollte seine Bildschirme auf die passende Tonwertkurve justieren. Für Leute, die im Web leben, heißt das entsprechend: sRGB-Kurve, wenn das nicht geht Gamma 2,2. Mit einem passenden Monitor mit erweitertem Farbraum hat man so auch gleich seine teure Digicam abgedeckt. Und ohne Wide-Color-Gamut? Dann stimmen die Inhalte in Spielen und auf DVDs.

Für Druck oder ProPhoto RGB ist die „alte“ Einstellung von 1,8 oft besser geeignet. Und falls man ernsthaft in eciRGB_v2 werkeln will, nun ja. L* geht mit vielen modernen Bildschirmen ohne all zu heftige Streifenbildung. Aber wer dick Kohle damit verdient – Hardwarekalibration ahoi, oder einen Spezialmonitor bestellen. Dann kann man den Kunden auch ein schönes Ugra-Zerfitikat in die Rechnung legen. Und niemand reißt einem den Kopf ab, wenn 500.000 Prospekte falsch gedruckt werden. Zumindest dann nicht, wenn es lediglich um die Farben geht …

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