pre1

Software für Schreiberlinge: Scrivener 1.x

14. Oktober 2009

Scrivener

Scrivener bedeutet (sehr) frei übersetzt „Schreiberling“ und ist damit definitiv ein Kandidat für meine Reihe über Autorensoftware. Das Programm überzeugt auf den ersten Blick mit einer aufgeräumten Benutzeroberfläche und einfacher Bedienung, aber erst wenn man sich wirklich damit auseinandersetzt, merkt man, wie viel geiler Scheiß in Keiths Code steckt. Geiler Scheiß, der nicht nur geil aussieht, sondern auch sehr nützlich ist. So nützlich – um das Fazit vorweg zu nehmen – dass Scrivener seit langer Zeit meine bevorzugte Schreibumgebung ist.

Genug mit der profanen Sprache! Erzähl etwas über die Software!

Scrivener verwaltet umfangreichere Projekte in Einzeldokumenten und gleicht damit Ulysses. Jedoch: Anders als der semantische König des Schreibsoftwarelandes setzt Scrivener aufs Rich-Text-Format. Das hat einen einfachen Grund: Keith wollte Rich Text. Punkt, fertig, aus. Es mag ein wenig egozentrisch klingen, das gebe ich zu. Aber der einzige Grund, dass es Scrivener überhaupt gibt, ist Keith. Er wollte eine Software haben, mit der er seinen eigenen Roman bequem tippseln kann. Im Herzen mag Keith Schriftsteller sein, aber als kleines Unternehmen muss seine Firma „Literature and Latte“ natürlich Prioritäten setzen. In diesem Fall: Was wollte Keith schon immer in einem Schreibprogramm haben?

So einiges. Es fängt bei einer hierarchischen Strukturierung der Dokumente an, geht über den ausgezeichneten Vollbildmodus, einer Pinnwand als Planungshilfe bis hin zu Notizen, Leuchtstift und Vorlagen für verschiedene Einsatzzwecke. Und alles soll bitte schön ohne ein Diplom in Informatik benutzbar bleiben, ja? Ja.

Wer sich ein Bild von den grundsätzlichen Funktionen und eben Usability (grauenhaftes Wort) machen will, sollte Zettts wirklich gute Screencasts zu Scrivener aufrufen und sich 15 Minuten zurücklehnen. Das Prinzip lässt sich so deutlich besser zeigen, als wenn ich es hier in Worte einzupacken versuchte.

Okay, dann erzähl wenigstens von dem „geilen Scheiß“.

Für mich natürlich einer der wichtigsten Pluspunkte: hervorragende MultiMarkdown-Unterstützung. Fletcher Penney selbst setzt aus diesem Grunde Scrivener für längere Sachen ein. Ärgerlich sind lediglich die fehlenden visuellen Hervorhebungen, aber ansonsten? Schreib direkt in Markdown. Oder verwende wie gewohnt Command-B für fett und Command-I für kursiv, dann konvertiere vor dem Export alle Formatierungen in MMD-Code. Die Dokumenten-Titel können wahlweise automatisch als Headlines gesetzt werden. Der Export bietet sich auch für eine LaTeX-Ausgabe an: In den MultiMarkdown-Optionen des Projektes passende Dokumentklasse angeben, exportieren, fertig ist das TeX-Dokument.

Auch nett: Scrivener kommt problemlos mit externen Bibliographie-Programmen klar. Fußnoten bietet die Applikation selbst, Bilder lassen sich auch einbinden, Formeln kann man (falls nach LaTeX gerendert werden soll) direkt als TeX-Code eingeben oder Programme wie LaTeXiT bemühen – einer der Vorteile des Rich-Text-Formates. Damit sollten sich gegebenenfalls auch Studenten (oder Dozenten) Scrivener genauer anschauen – falls sie denn auf nichtlineares Schreiben stehen. Denn die große Stärke von Scrivener liegt in den Organisationsfunktionen für Chaoten:

Die Pinnwand habe ich schon erwähnt, Zettt bringt noch weitere Beispiele. Für mich als notorischer Verschlimmbesserer sind allerdings die Schnappschüsse am wichtigsten. Versionierung der einzelnen Dokumente innerhalb eines Projektes auf Knopfdruck. Nicht ganz sicher, ob man jetzt mit dem Text wirklich in diese Richtung gehen sollte? Snapshot, schreiben, gegebenenfalls alte Version wieder rauskramen. Wem das mangels diff, fork und was diese ganzen ausgewachsenen Versionierungs-Systeme noch so alles können zu mickrig ist: Scrivener speichert die Projekte auf Wunsch auch „Subversion friendly“ ab; ein bestehendes Repository kommt dann besser mit den Scrivener-Paketen klar.

Aus meiner Sicht unverzichtbar ist die Möglichkeit, zwei Dokumente gleichzeitig zu sehen und zu bearbeiten. Aufmerksame Leser erinnern sich vielleicht noch daran, dass dies mein Hauptkritikpunkt an Ulysses war. Insbesondere bei Blog-Artikeln oder Texten mit Fußnoten wird schnell klar, weshalb das praktisch ist:

Split!

Oben tippsle ich an meinen Textbausteinen herum und im unteren Editor sammle ich die Links. Insbesondere MultiMarkdown-Blogger dürften jetzt wohl ein breites Grinsen im Gesicht tragen.

In die umgekehrte aber verwandte Richtung geht die „Edit Scrivenings“-Funktion: Man markiert mehrere Dokumente, drückt auf den Knopf, et voilà:

Merge!

Und: Die Dokumente können immer noch bearbeitet werden. Wenn man also einen Artikel in vielen Teilen geschrieben hat, kann man trotzdem alles ohne Export in einem Rutsch durchlesen und direkt verbessern. So mit Kontext und so.

Dieser Bericht mag nach Lobhudelei klingen. Das ist mir bewusst. Neben viel Licht gibt es auch Schatten, wie fehlende intelligente Ordner oder eine durchwachsene Tagging-Unterstützung. Jedoch: Keith steht auch nach all den Jahren immer noch voll hinter Scrivener, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er diese Dinge auf seine eigene Art und Weise angehen wird. Sofern er denn selbst diese Funktionen für sinnvoll erachtet. Siehe oben. Jedenfalls ist der nächste größere Versionssprung auf anfangs 2010 angesetzt. Man darf gespannt sein.

Spielt doch selbst mit Scrivener rum. Das eingebaute Tutorial ist wirklich gelungen, die Bedienung auch ohne Anleitung ziemlich einleuchtend, wenn man das Prinzip solcher Autorensoftware kennt. Die Demoversion läuft 30 Tage ohne Einschränkungen – und wenn man Scrivener nur zwei Mal die Woche startet, ganze 15 Wochen. Die Vollversion kostet moderate € 30, Rabatte für Schüler und Lehrer gibt es ebenfalls.

Ein Wort noch zum Entwickler und der „Community“: Sehr umgängliche Leute. Beispielsweise sitzt eine Schriftstellerin gerade an einem Plugin, womit man aus Scrivener nach Mellel exportieren kann. Der Umgangston untereinander ist freundlich und, wie es sich für ein britisches Forum gehört, auch nicht ganz Sarkasmus-frei. Ich glaube, dieser Kontakt zu und unter den Anwendern hat viel zur Popularität von Scrivener beigetragen. Ich zumindest muss zugeben, dass es meine Kaufentscheidung stark beeinflusst hat …

{ 9 Kommentare… lese sie unten oder schreibe selbst einen }

Chris Oktober 15, 2009 um 01:07

Dankeschön für die Lobhudelei,

kämpfe noch etwas mit der MMD Einrichtung und vor allem der Anpassung an KOMA-Scripts wie scrartcl und scrreprt für Latex. Ansonsten bietet Scrivener aber vor allem eins:
Eine super Arbeitsoberfläche und wenn ich etwas an meine “Korrektoren” geben will eine wunderbare Exportfunktion: doc, rtc, txt, pdf… alles kein Problem. Dafür darf ich aber arbeiten, wie ich es will. Nur Fußnoten werden in Word wohl nicht richtig angezeigt. In Latex funktioniert es aber einwandfrei.

Zu Orga ist für mich (als alter Chaot) vor allem die Synopsen funktion immens wichtig. So habe ich immer vor Augen, um was es in dem Kapitel gerade gehen soll, ohne das dies aber im richtigen Text stört.

Irgendwie habe ich bei dem Programm das Gefühl, dass es mich nicht einschränkt sondern genau das machen kann was ich will. Ich hatte mir auch Ulysses gekauft. Zum Glück für nur 35$. Dies Lizenz wird aber etwas Staub sammeln…

Die Sache mit dem Forum kann ich nur bestätigen. Es gibt sehr schnell tolles Feedback.

Antworten

pooz Oktober 15, 2009 um 03:15

Hab mir dir Screencasts angeschaut, sehr nett.

Ich versteh noch nicht ganz, wie man nun LaTeX Dokumente damit verfassen kann? Im Moment benutze ich noch LyX für meine wissenschaftliche Studienarbeit, bevor ich mich tatsächlich mal an TeXShop ranwage.
Nun überlege ich, falls das hiermit klappen sollte, wäre es auch besser/komfortabler als Lyx oder TeXShop?

Antworten

Kerstin Oktober 15, 2009 um 10:44

Ich unterschreibe die Lobhudelei völlig. Es gibt nichts besseres für lange, aus vielen Teilen bestehende Texte, an denen man beständig etwas verändert. Vor Scrivener habe ich immer irgendwann in Word die Übersicht verloren. Mit den Fußnoten hatte ich in Word bisher keine Probleme. Selbst wenn man keine dringenden Fragen hat, lohnt sich der Besuch des Forums wegen der vielen Hinweise.

Antworten

Chris Oktober 15, 2009 um 13:12

@pooz: der Export nach LaTex funktioniert über MultimarkDown. Schau mal bei http://fletcherpenney.net/multimarkdown/ rein. Ließ dir auch den Artikel über MultimarkDown hier bei Apfelquak durch, damit du ein Gefühl dafür bekommst, was machbar ist.

Antworten

Tom Schimana Oktober 15, 2009 um 20:26

Wie ist das mit Scrivener, wenn man z.B. ein Buch mit Illustrationen schreiben möchte. Was ich bisher gesehen habe, ist es für reine Texte ausgelegt. Mir würde es gefallen, wenn ich im Text eine Grafikquelle oder so angeben könnte und beim Erstellen werden die Grafiken dann mit eingebaut und die Abbildungen automatisch formatiert. Geht das?

Antworten

pooz Oktober 16, 2009 um 09:50

@Chris, vielen Dank. Das werde ich mal machen :-)

Antworten

abcd Oktober 17, 2009 um 16:27

Das Informationen Auswerten, Schreiben und Strukturieren meiner Bachelorthesis hat Scrivener mir ungemein erleichtert.
Ich kann mir nicht vorstellen, das das auf andere Weise oder gar in Word geklappt hätte. Schwerstempfehlung!

Antworten

nggalai Oktober 19, 2009 um 17:36

Kleiner Hinweis für alle November-Schreibenden:

Scrivener gibt’s für den NaNoWriMo (National Novel Writing Month) in einer Spezialversion:

http://www.literatureandlatte.com/nanowrimo.html

Wer das Ziel von 50.000 Wörtern erreicht, bekommt im Dezember 50 % Rabatt, alle anderen immer noch 20 % Preisnachlaß.

Ich hab leider nix gefunden, ob das nur mit einer US-Adresse funktionieren wird (Der NaNo ist natürlich, wie so oft, eine US-amerikanische Erfindung …), aber hey – sonst testet man das Dingens halt mal einen Monat. Wenn’s mit dem Nachlaß klappt, jut, wenn ned, dann ned.

Antworten

Herr Chow Oktober 21, 2009 um 01:20

Version 2.0 kommt leider doch erst Mitte 2010:
http://www.literatureandlatte.com/forum/viewtopic.php?f=1&t=5229&p=53421#p53231

Ansonsten kann ich dem Rezensenten nur beipflichten: ein großartiges Schreibwerkzeug, insbesondere für literarische Texte.

Antworten

{ 3 Trackbacks }

Schreibe einen Kommentar

Smilies gefällig?

Previous post:

Next post: