
Vor rund zwei Wochen veröffentlichte die deutsche Softwareschmiede The Soulmen die langerwartete Version 2 von Ulysses. Die Applikation richtet sich seit langer Zeit an den „kreativen Textarbeiter“ und hat auf dem Mac das Genre der Autorensoftware etabliert. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe solcher Schreibprogramme, die sich um die Bedürfnisse von Schriftstellern, Journalisten und Bloggern kümmern wollen. In den nächsten Wochen werde ich einige dieser Programme hier vorstellen. Aber zuerst sollten wir uns um die Grundlagen kümmern, denn ich höre gewisse Leser schon fragen:
Schreibprogramme? Autorensoftware? Was soll das überhaupt?
Programme wie Scrivener, StoryMill und eben Ulysses werden gerne als überflüssige Geldmacherei angesehen. Als hinterhältige Methode, untalentierten Autoren die Euros, Dollars, Franken, was auch immer aus der Tasche zu ziehen. So nach dem Motto: „Sieh her! Mit diesem Programm schreibst Du endlich vernünftige Texte! Und mit Funktion [Blubber] und dem Modul [Bla] ist Dir der Erfolg garantiert!”
Die Skepsis ist verständlich. E.T.A. Hoffmann konnte seine Bücher problemlos mit Stift und Papier entwerfen, Schreibmaschinen soll es auch noch geben, und nun ja, Word? Pages? Vielleicht gar nur ein Editor wie Textmate? Sollte das nicht reichen?
Natürlich reicht das. Aber wer oft am Computer schreibt kennt auch die damit verbundenen Probleme: Man werkelt an einem längeren Text und hat einen Einfall für eine andere Szene. Wohin damit? Und wo lege ich Charakter-Blätter ab, Beschreibungen von Lokalitäten, Recherchematerialien? Entweder, man pflastert seinen Schreibtisch mit Fresszetteln zu oder erstellt ein paar Dutzend Dateien auf der Festplatte. Manche Autoren verwenden als Sammeltopf für solche Informationen zum Beispiel DevonThink oder Journler. So weit, so gut.
Aber wenn man schon digital unterwegs ist, weshalb nicht gleich die Geschichten oder Artikel am Computer planen? Also kommt noch ein Programm à la OmniOutliner hinzu, und schon hat man beim Schreiben drei Programme offen. Dann wohl noch einen Browser – Wikipedia scheint die Hauptquelle für viele, viele Artikel zu sein, aber ich schweife ab – und gegebenenfalls das OS X Wörterbuch. Ist ein Ansatz, aber insbesondere auf Laptops führt das doch zu einigem Exposé-Gehampel.
Und eben hier verspricht Schreibsoftware eine bequemere Lösung. Etwas geeky ausgedrückt: Ulysses, Celtx und Konsorten sehen sich als IDE für Autoren. Man arbeitet in einer Applikation, oft in einem einzigen Fenster und hat alles griffbereit. Sei es Brainstorming, Planung oder gar (Schock!) das Schreiben selbst: Alles in einem Programm. Dazu vielleicht noch die eine oder andere Spezialfunktion, die einem Schreiberling das Leben erleichtern soll. Notizen, Quellmaterial, versionierte Entwürfe, Gehirnabfall? Alles in einer (Pseudo-) Datei.
Kurz gesagt: Schluss mit der Zettelwirtschaft!
Zurück zu Ulysses. Die ehemaligen Blue-Tec-Mannen erschufen mit diesem Programm vor über sechs Jahren die wohl erste Umsetzung einer idealen Schriftsteller-IDE auf dem Mac. „Ideal“ im Sinne von „Utopie“, sollte ich hinzufügen. Das Programm führte mit der Zeit Funktionen ein, die schon mal für den einen oder anderen Hype sorgten. Stichwort „Schreibmaschinen-Vollbild-Modus“ – eine Funktion, mit der sogar Apple ihr iWork-Paket beworben hat. Die neue Version 2 ist die konsequente Weiterentwicklung der Philosophie hinter Ulysses. Was jedoch insbesondere in einem Punkt für viel Geschrei unter potentiellen Nutzern sorgt. Aber dazu dann später mehr.
{ 19 Kommentare… lese sie unten oder schreibe selbst einen }
Du solltest mal ein Buch schreiben. Der Stil ist grandios.
Papyrus Autor sollte auch unbedingt Erwähnung finden, damit realisiere gerade mein Buch-Projekt. Sehr genial finde ich dabei unter anderem die Duden Korrektor Funktion.
Falls du das wirklich durchsetzen solltest – kannst du mir allen apfelquak lesern rechnen (meine Meinung).
Du hast einen “Super-sexy-informativ”-Schreibstil, der einfach nur fesselt – ich schafs einfach nicht einen Absatz, von deinen GUT überlegten Sätzen zu überspringen – nicht einmal ein einziges Wort – ist möglich.
Grüße,
Thomas
Super Artikel. Endlich mal keine Werbung mehr
Ne, davon wünsch ich mir mehr. Hohe Qualität
Nicely done, nggalai. Yeehaw!
Aktuell eigentlich kein Thema, das mich interessiert. Aber eben nur eigentlich, bin jetzt schon gespannt auf Deine Artikel!
Moin moin,
dank Euch. Nur kurz @Flo: Papyrus Autor ist bereits auf der Liste. Ich hab ein bißerl mit der allerersten Version herumgespielt und wollte mir die aktuelle Fassung sowieso nochmals genauer anschauen, ergo …
Falls jemand noch weitere Vorschläge hat, was ich in einem Quasi-Review verwursteln könnte, nur gerne her damit.
Fix geplant sind bisher: Ulysses, Scrivener, StoryMill, Celtx, Papyrus Autor. Und noch ein „I don’t need this crap, this is how I work in a normal word processor“-Artikel.
Der Sprecher vom Screencast schießt den Vogel ab.
Da merkt man richtig, dass es sich um keinen nativen Sprecher handelt. Da sollten die Jungs wirklich noch nachbessern.
Ansonsten würde mich persönlich interessieren, wo der große Vorteil von Ulysses liegt. Es wird ja hier so schön beworben. Da würde mich gerade der Vorteil gegenüber anderen Programmen interessieren.
Ich schreibe leider keine Bücher, aber die Thematik erinnert mich an Web-IDEs wie z. B. Coda oder Espresso. Ich habe beide ausgiebig ausprobiert, kehre aber immer irgendwie zu den spezialisierten Einzellösungen wie Textmate oder CSSEdit zurück, trotz der Notwendigkeit von cmd-tab.
StoryMill gibt es übrigens zur Zeit mit 40% Nachlass wegen des 19-jährigen Bestehens von Mariner Software. Mit dem Promocode HB19 kostet die Download Version nur noch knappe 30 Euro.
Ein sehr ergiebiges Thema. Da wurde schon viel darüber “versucht zu berichten”. Denn schnell kommen die Vorlieben des Autors zum Vorschein. Und … jedes Programm so gut zu kennen, dass ein Vergleich möglich ist, erachte ich als sehr ambitioniert. Trotzdem, ich bin gespannt auf den (Erfahrungs?)-Bericht.
…und wie wäre es mit irgendwas von MyOwnApp?
Z.B. http://myownapp.com/site/moapp3.0/applications_leo/writing/mytexts/mytexts.html
Cheerio,
der Mechatroniker
Der Artikel macht Neugierig auf die Fortsetzung(en). Mich würden vor allem zunächst die generellen Unterschiede in der Philosophie, sprich dem generellen Aufbau, der Programme interessieren; für welche Vorhaben und Ansprüche sich aus der Sicht eines erfahrenen Anwenders welches Programm am besten eignet und ob sie einfach zu erlernen und zu handhaben sind. Worauf man achten sollte, weil ein wirklicher Mehrwert und höherer Komfort damit verbunden ist, und was eher Werbeblasen sind, die im täglichen Gebrauch eher untergehen oder gar hinderlich wirken. Vielleicht ist ja der eine oder andere Gedanke schon vorgesehen oder einbaubar.
Das wäre so im groben meine Artikel-(Weihnachts)-Wunschliste
Danke für den gut geschriebenen Artikel, der Freude und Neugier auf die Fortsetzungen macht!
Mir fallen da z.B. noch Adobe InDesign und QuarkXPress ein oder sind die “out of focus”, da sie sich an eine andere Art von Schreiberlingen (z.B. Technische Redakteure) richtet?
Ich bin gespannt, was beim Vergleich der einzelnen Autoren-Produkte heraus kommen wird. Ich selber dokumentiere Prozesse und Programme und nutze dazu zwei Programme, eines zum Schreiben (XMLMind, ein klasse XML-Editor um Dokumente nach der Docbook-DTD zu schreiben) selbst und das Andere als Notizverwaltung (meinKopp). Aus Neugierde habe ich mir Ulyssis angeschaut, und ich muss sagen, dass es seinen Charme hat, alles unter einem Dach (Stichwort IDE) zu haben. Eben schnell auf Notizen (einschließlich Bilder) zugreifen und gleich in den Text einbinden zu können. Auch gut gefallen hat mir der Weg auf Formatierungen zu verzichten, also die Konzentration auf den Inhalt zu lenken und nicht auf die “Kosmetik”. Allerdings ist der Export der Dokumente recht übersichtlich; zwar kann ich PDF-Dokumente erstellen aber ich habe bei Ulyssis keine Möglichkeit gefunden ein Inhaltsverzeichnis bzw. ein Index generieren zu lassen. Für mich ein K.O. Kriterium. Gut die Möglichkeit besteht über den LaTex-Export zu gehen, aber für mich wiederum nicht glücklich über ein “Zwischenformat” zu gehen, um ein komplettes PDF-Dokument (ein Index fehlt weiterhin) bzw. eine XHTML-Version zu erstellen. Bedingt durch meine Anforderungen habe ich auch eine andere Sicht, als z.B. ein Krimi-Autor.
Da wäre noch Final Draft. Gerade ist die Neue, V8, raus kommen… zwar eher was für “Dreh”buchautoren, aber der Hollywood Standard.
Storyist ist mir jüngst noch untergekommen. Es sieht ein wenig aus wie Scrivener, hat aber in einigen Punkten doch auch eigene Ansätze…
Hallo! Mich würde auch eine Fortsetzung interessieren und zwar unter dem Aspekt: Autorensoftware für Windows und auf deutsch. Klar kann man jedes englische Programm mit den meist vorhandenen Englischkenntnissen nutzen, aber ich find’s dennoch komfortabler, nicht switchen zu müssen. VIele Grüße!
Äh naja, lese gerade den Blogtitel nochmals: “apfelquak” wird sich nicht für “windoof” interessieren, schätze ich… schade eigentlich – die Rezensionen haben mir gut gefallen – insofern mein Kommentar und Vorschlag nach Ausweitung auch für die Win-User… Aber vielleicht könnte man ja zumindest bei den besprochenen Programmen ergänzen, OB es auch eine Win-Version gibt?
Moin Anne,
ja, das Gemeinschaftsweblog hier ist Apfel-Gebiet.
Aber Deine Frage passt natürlich auch rein.
Die bisher besprochene Software gibt es nur für Mac. Auf dem PC würde ich PageFour empfehlen [1], falls man längere Erzählungen schreiben möchte, oder das (bald hier vorgestellte) Celtx für einen flexibleren Umgang mit Text, ähnlich wie es Scrivener macht. Celtx ist OpenSource, entsprechend wird es wohl eine deutsche „Lokalisierung“ geben, allerdings sitze ich immer noch an der Recherche und kann noch nicht mehr zu sagen.
Später mehr!
[1]: http://www.softwareforwriting.com
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